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Historie in Häppchen

Spiegel Online, May 2008

Historie in Häppchen

Spiegel Online, May 2008

Historie in Häppchen

Wenn Walter Ulbricht das geahnt hätte: Der Mauerguide, ein GPS-gesteuerter Reiseführer im Handyformat, führt Berlin-Touristen 47 Jahre nach dem Bau der Mauer multimedial zu den Schauplätzen deutsch-deutscher Geschichte. SPIEGEL ONLINE ging mit dem Gerät auf Entdeckungstour.

Ein kleines gelbes Kästchen blinkt auf dem etwa fünf mal sieben Zentimeter großen Display: Das bin ich. Das Gerät in meiner Hand, der Mauerguide, ortet mich an der Niederkirchner Straße in der Nähe des ehemaligen Checkpoints Charlie. Ein Fingertipp – und Walter Ulbricht spricht zu mir. "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", krächzt es in meinen Kopfhörern. Ein Blick nach rechts zeigt mir die ganze Wahrheit.

Tatsächlich stehe ich an dem Punkt, der als weißer Strich im kleinen roten Kreis auf dem Bildschirm des GPS-Gerätes erscheint. Die Reste der Berliner Mauer sind im Original fast 200 Meter lang. Lage, Daten und Fakten kommen nun aus dem Kopfhörer, bewegte Bilder in schwarz-weiß begleiten mich auf dem Bildschirm, und führen mich entlang der Mauer szenenweise durch die deutsch-deutsche Geschichte. Tempo, Aufbau und Inhalt der Tour bestimmt mein rechter Zeigefinger.

Reiseführer, Stadtplan, Rückschau

So erfahre ich, dass der damalige DDR-Staatsratsvorsitzende Ulbricht die legendäre Pressekonferenz im Juni 1961 hielt - genau in dem Gebäude vor mir, im heutigen Finanzministerium. Eine Journalistin hatte ihn gefragt, ob eine Staatsgrenze am Brandenburger Tor geplant sei. Ulbrichts geschichtsträchtiger Satz kam völlig unvermittelt und gibt in der Rückschau Rätsel auf. Zwei Monate später war das Tor abgeriegelt, zunächst mit provisorischem Stacheldraht, dann durch eine 3,60 Meter hohe Betonwand. Auf einer Strecke von mehr als 40 Kilometern trennte die Mauer Berlin.

Wahlweise auf deutsch oder englisch führt der Mauerguide Berlinbesucher zu den Schauplätzen des Mauerbaus und der Teilung Deutschlands. Er ist elektronischer Stadtplan und Reiseführer in einem und funktioniert wie ein Navigationssystem im Auto: Nach der Zieleingabe berechnet das Gerät dessen Entfernung per GPS und gibt die kürzeste Verbindung dorthin an. Außer Verkehrsstraßen berücksichtigt der Mauerguide aber auch Fußwege. Der Hersteller, die Firma Antennaudio, hat dafür den Innenstadtbereich neu vermessen lassen.

Vertraute Stimme im Ohr

Ich streiche mit dem Finger über die elektronische Karte und verschiebe sie Richtung Nordwesten. Die Gegend rund um den Pariser Platz wimmelt nur so vor roten Punkten. Ich tippe auf das Brandenburger Tor: Es öffnet sich ein weißer Kasten, der die Optionen "Start" und "Weg" vorgibt. Bei größeren Entfernungen lohnt sich die Berechnung der Strecke – und möglicherweise der Umstieg auf Bus oder Bahn.

Bei Start geht's los: Der Pariser Platz sah nicht immer so aus wie heute, erzählt mir eine sonore Männerstimme. Sie kommt mir irgendwie bekannt vor. Christian Rode spricht die deutsche Version, ein Schauspieler, der auch in den legendären Kinder-Hörspielreihen "Die drei Fragezeichen" und "TKKG" zu hören ist. Der Mauerguide zeigt ein Foto des Brandenburger Tors im Jahr 1961, von der Mauer auf der Westseite Richtung Tiergarten abgeschirmt, mit einem Schild im Vordergrund: "Achtung! Sie verlassen jetzt West Berlin". Der Pariser Platz war Sperrgebiet und wurde von der Stasi millimetergenau bewacht.

Der Mauerguide speichert fast fünf Stunden Dokumentationsmaterial und verteilt es in bekömmlichen Historien-Häppchen. Anders als leibhaftige Reiseführer lässt sich der elektronische Begleiter je nach Interesse und Standort steuern. Anders als Geschichtsbücher erklärt er die Chronik der Mauer nicht geradlinig, sondern ausschnittweise – reduziert, aber emotional. Die Auswahl der Informationen bleibt jedoch mir allein überlassen. Und so bleibt das ungute Gefühl, womöglich einen spannenden Hintergrund oder ein interessanten Ort ausgelassen zu haben, der sich hinter dem Menü versteckt haben könnte.

Von Christina Kohl

01. Mai 2008


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