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Welt am Sonntag, Dezember 2004

Man sieht nur, was man hört


wie wunderbar vergiftet die Stimmung doch war, im Berliner Kunstherbst 2004: Schon die bloße Nennung des F-Wortes genügte, um aus Brüdern Feinde zu machen. Sag, wie hältst du es mit Flick, lautete die entscheidende Frage. Und die Antworten rissen Gräben auf, die spätestens nach dem vierten Vernissagen-Prosecco unüberbrückbar schienen.

Drei Monate später ist von der Aufregung um die Flick-Collection nur noch wenig zu spüren. Die Kritik ist fast verstummt und der einhundertfünzigtausendste Besucher längst mit Blumen begrüßt. Nur eines ist geblieben: die schlechte Stimmung.

Wie eine Dunstglocke hängt sie über den Räumen des Hamburger Bahnhofs. Ehepaare streifen ratlos durch Jason Rhodes Eingangs-Installation - ein unüberschaubares Chaos aus Baumarktschutt, Maschinen und schief gezimmerten Holzhütten. Auch ein Blick in das dünne Begleitheft vermag es nicht, ihre Mienen aufzuhellen. Der Schöpfungsmythos, lesen sie dort, während ihr Blick immer wieder über einen mit Pornobildchen beklebten Stapel Brennholz gleitet, der Schöpfungsmythos sei von jeher ein zentrales Thema der Kunstgeschichte. So auch hier, bei Jason Rhodes. Ihre Gesichter: verkrampft bis verzweifelt. Blasse Fragezeichen auf mutlos zusammengesunkenen Schultern.

Eva Wesemann müßte derart ratlose Blicke lieben. Sie sind ihre Geschäftsgrundlage, und das Geschäft boomt beständig. Die 40jährige Berlinerin ist Kreativ-Direktorin bei Antenna Audio, dem Weltmarktführer für Audio-Guides. Kaum ein Museum glaubt dieser Tage, ohne die elektronischen Führer im Walkmanformat auskommen zu können. Und wenn die Kuratoren, wie im Fall Flick, doch anderer Meinung sein sollten, so werden sie schnell eines Besseren belehrt. Die Rechnung ist schnell aufgestellt: Hat der Museumsbesucher die Möglichkeit, einen Audio-Guide zu nutzen, so erhöht sich seine Verweildauer um 50 Prozent, der Umsatz im Museumsshop steigt um ein knappes Drittel. Denn auch das zeigt der kopfschüttelnde Abgang vieler Flick-Besucher: Wer bei neun Euro Eintritt allein mit seinen Fragen bleibt, ist anschließend nur selten gewillt, den kostspieligen Katalog zu erstehen.

So verwundert es kaum, daß Wesemann nun auch in der Flick-Collection antritt, per Audio-Guide für gute Stimmung zu sorgen. Spätestens seit ihrer Arbeit für die MoMA-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie ist sie der heimliche Star einer Branche, die nicht nur für volle Museumskassen sorgt, sondern längst das definiert, was die kunstinteressierten Massen sehen und denken. Sie ist, gänzlich unbeachtet von anderen Meinungsführern, die sich niemals die Blöße gäben mit einem Audio-Guide erwischt zu werden - die vielleicht einflußreichste Kunstexpertin Deutschlands. Allein 330 000 Besucher der MoMA-Ausstellung ließen sich von ihrem Audio-Guide durch die klassische Moderne führen.

Was Wilmersdorfer Bridge-Runden über Jackson Pollock denken, wie Stuttgarter Studienräte Gerhard Richters Stammheimzyklus interpretieren: Wesemann hat es in der Hand und erreicht mit ihren vertonten Scripts mehr Menschen als sämtliche Kunstfeuilletonisten der Republik gemeinsam. Schulklassen, Busreisegruppen, SPD-Ortsvereine - unter ihren Kopfhörern sind alle gleich. Da ist es nur konsequent, daß Wesemann im Gespräch wie eine freundliche, aber bestimmte Gleichstellungsbeauftragte wirkt. Sie spricht vom barrierefreien Zugang zur Kunst, der jedem zustehe - ganz so als würde sie beiläufig mehr behindertengerechte Toiletten einfordern. 'Sehhilfen' nennt sie ihre Audio-Guides, und die unbestrittene Autorität, die ihre Arbeit mit sich bringt, heißt bei ihr 'Verantwortung'.


Weitere Informationen erhalten Sie unter:
www.wams.de/data/2004/12/26/379444.html?s=2

Über Antenna Audio
Antenna Audio ist seit 20 Jahren weltweit führend in der Produktion von Audio- und Multimediaführungen, die mit innovativer Technik, dramaturgisch professionell aufbereiteten Inhalten und exzellentem Service die Besucher in Museen und anderen Einrichtungen begeistern. Mehr als 70 Millionen Menschen in über 800 Projekten haben in den letzten Jahren weltweit die Möglichkeit genutzt, die bereichernde Erfahrung einer Antenna Audio Führung zu erleben, u.a. im Metropolitan Museum of Art, im J. Paul Getty Museum, in der National Gallery, im Louvre, den Vatikanischen Museen und im Pergamonmuseum.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
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Antenna Audio
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